Montag, 27. Januar 2020 | Nordkurier / Heimat | Artikel von Ralph Sommer

Ölbild erinnert an Leid in der Psychiatrie 1942

Vor 100 Jahren wurde in Berlin der Maler Gerhard Moll geboren. Zu seinen traumatischsten Erlebnissen gehörte ein Aufenthalt in der Nervenanstalt der Stralsunder SS-Kaserne. Daran erinnert ein jetzt aufgetauchtes Gemälde.

STRALSUND. Die Zustände müssen unerträglich gewe-sen sein. An das Martyrium hat sich Gerhard Moll Jahre nach seiner Zwangseinwei-sung in die Stralsunder Ner-venanstalt erinnert. „Ange-sichts der Zustände, die dort herrschten, hundert Geistes-kranke in einem verschlosse-nen Saal, die von Pflegern auf die brutalste Weise misshan-delt wurden, erlitt ich einen Nervenzusammenbruch“, schrieb der Maler 1952 in seinem Lebenslauf.

Schon 1943, kurz nach seiner Entlassung, hatte Moll seine Erlebnisse in dem düster wirkenden Ölgemälde „Heilstaetten Stralsund“ fest-gehalten. Im expressionisti-schen Stil schuf der Maler eine tiefe Raumperspektive mit wenigen leuchtenden Farben. Zu sehen sind vonei-nander isolierte Figuren, jede für sich allein, hilflos und in Not – einsame Insassen der mit 68 Betten ungewöhnlich großen Nervenabteilung, die sich ab 1939 auf dem Gelände der geräumten und in der Fol-ge als SS-Kaserne genutzten Heilanstalt befand.

In der Kirche des Klinikums wird das Werk gezeigt

77 Jahre später ist das ver-störende Bild an seinen Ur-sprungsort zurückgekehrt. Mithilfe mehrerer Spenden hat der „Förderverein Mu-seum Stralsund“ das 72 mal 100 Zentimeter große Kunst-werk erworben. Künftig wer-de es im Stralsunder Kranken-haus West der Öffentlichkeit gezeigt und an ein düsteres Kapitel deutscher Psychiat-riegeschichte erinnern, sagt der stellvertretende Vereinschef Dr. Peter Danker-Carstensen. In der historischen Klinikumskirche der 1912 eröffneten Provinzialheilanstalt Stralsund wird es seit wenigen Tagen präsentiert.

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Gerhard Moll 1977 in seinem Atelier in Berlin

REPROS (2): R. SOMMER

Gerhard Moll wurde am 19. Januar 1920 in Berlin-Prenzlauer Berg in einfachen Verhältnissen als Sohn schwäbischer Hugenotten geboren. Sein Vater war Landarbeiter, Trinker und später Kellner, die Mutter Reinemachefrau, dann Köchin. Zur großen Enttäuschung seiner Eltern, die in der Malerei einen Hungerleiderberuf sahen, hatte Moll von 1939 bis 1945 an der Berliner Hochschule für Bildende Kunst ein Studium aufgenommen.
Als im Januar 1942 die Einberufung zur Marine kam, verweigerte der pazifistisch erzogene 22-Jährige wenig später einen Befehl und wurde zur Überprüfung seines Geisteszustandes in die gefürchtete Marine-Heilanstalt Stralsund eingewiesen, in der geistig Kranke kaum Hoffnung auf Überleben hatten.
Jahrzehnte später hat Moll seiner späteren Lebensgefährtin Jutta Zimmer anvertraut, wie es ihm gelungen war, die Anstalt wieder zu verlassen. Um seine Entlassung und gleichzeitig Dienstuntauglichkeit zu erreichen, habe er einen Nervenzusammenbruch simuliert, sagt der leitende Oberarzt der Forensischen Psychiatrie Stralsund, Dr. Jan Armbruster, der im vergangenen Jahr Kontakt zu Jutta Zimmer aufgenommen hat.
Sie erzählte dem Mediziner, dass es Moll seinerzeit am schwersten gefallen sei, irre Antworten zu geben und zu lachen. Er sei einem jungen Arzt, von dem er sich durchschaut gefühlt habe, dankbar gewesen, dass er trotzdem seine Entlassung unterstützt habe.
Lebensgefährtin Zimmer hat Molls Werk über Jahre betreut. Sie ist überzeugt, dass es sich bei der rechts im Bild sitzenden Person, deren Gesicht verborgen ist, um Gerhard Moll handelt. Der gelb getünchte Saal im Haus 1 soll übrigens erst nach der Wende in den 1990er-Jahren bei der Klinik-Modernisierung umgestaltet worden sein.

Heilstaetten Stralsund um 1943

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Der leitende Oberarzt der Forensischen Psychiatrie Stralsund, Dr. Jan Armbruster, präsentiert in der Klinikumskirche das auf Leinwand gemalte Ölbild „Heilstaetten Stralsund“ von Gerhard Moll.

FOTO: RALPH SOMMER

Die deutsche Einheit lag ihm sehr am Herzen Nach dem Krieg lebte Moll in Berlin-Friedenau. Er wurde Meisterschüler beim Maler und Grafiker Heinrich Ehmsen und gehörte zum Künstlerkreis der avantgardistischen Nachkriegsgalerie Gerd Rosen. Zu seinen Freunden zählten der später nach Ostberlin übergesiedelte Maler Wolfgang Frankenstein und die Bildhauer Waldemar Grzimek, Fritz Cremer, Gustav Seitz und Gerhard Marcks.
Wegen seiner gesellschaftskritischen Haltung als Befürworter der deutschen Einheit geriet er bald in Konflikt mit dem zeitgenössischen Kunst-betrieb. Nach seiner Beteiligung an der DDR-Ausstellung „Künstler schaffen für den Frieden“ wurde er 1951 von seiner Ausstellungsgemeinschaft in Westberlin ausge-schlossen. Bis zum Mauerbau 1961 schuf er Wandbilder im öffentlichen Raum in Ostberlin, anschließend zog er sich zurück, ohne das Malen vor allem ungegenständlicher Aquarelle aufzugeben. Ab 1975 entstanden Hexenbilder, ab 1980 figurativ-still-lebenhafte Kompositionen. Gerhard Moll starb im Dezember 1986 in seinem Berliner Atelier.
Moll gilt heute als einer der fast vergessenen Maler aus der Generation der Aufbruchjahre nach dem Zweiten Welt-krieg. Nach seinem Tod haben vor allem Galerien im Nordosten mit Ausstellungen an ihn erinnert, unter anderem in Berlin, Bergen auf Rügen, im Schloss Wiligrad, in Neustrelitz, Zehdenick, Ahrenshoop, Schwerin und Putbus.

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Gerhard Moll schuf 1944 das Ölbild „Hiddensee“.

Donnerstag, 16. Januar 2020 | Ostsee-Zeitung

Gemälde kehrt an Ursprungsort zurück

Der Maler Gerhard Moll ist 1942 in die Stralsunder Heilanstalt eingewiesen worden. Seine damaligen
traumatischen Erlebnisse hielt er im Bild fest.
Stralsund. Der Förderverein des Stralsund Museums hat mit Hilfe von Spenden ein Bild des Malers Gerhard Moll erworben und an das Helios Hanseklinikum in Stralsund übergeben. Das Gemälde soll im neuen Jahr seinen Platz in der Klinikumskirche finden.
Klinikgeschäftsführer Johannes Rasche:
„Das Werk hat für uns gerade im Hinblick auf die Aufarbeitung der Historie am Standort eine große Bedeutung. Daher sind wir dem Förderverein sehr dankbar für seine Initiative.“

Molls Geschichte klingt aus heutiger Zeit unvorstellbar. Er sei zur Überprüfung seines Geisteszustandes in die Marine Heilanstalt Stralsund eingewiesen worden, heißt es im 1952 verfassten, handschriftlichen Lebenslauf des heute fast vergessenen Malers (1920-1986). Die
Einberufung zur Marine Anfang 1942 führte bei dem damals 22-Jährigen, der nicht mit einer Waffe in der Hand sterben wollte, zu einer beträchtlichen inneren Konfliktsituation.
Nach einer Befehlsverweigerung wurde Moll im Mai 1942 zur psychiatrischen Begutachtung in die Marine Heilanstalt Stralsund eingewiesen. Fünf Monate später erfolgte seine Entlassung aus der Heilanstalt und vom Militär. Aus Archivmaterial ist bekannt, dass zum Marinelazarett Stralsund am Krankenhaus am Sund eine vergleichsweise große Nervenabteilung mit 68 Betten gehörte, die sich auf dem Gelände der 1939 geräumten und in der Folge als SS-Kaserne genutzten Heilanstalt am Krankenhaus West befand.

Die dortige Situation schilderte Moll rückblickend traumatisch. „Angesichts der Zustände, die dort herrschten, hundert Geisteskranke in einem verschlossenen Saal, die von Pflegern auf die brutalste Weise misshandelt wurden, erlitt ich einen Nervenzusammenbruch…“ schrieb er in seinem Lebenslauf. Diese Eindrücke spiegeln sich auch in seinem um 1943 entstandenen Gemälde „Heilstaetten Stralsund“ wider.
Im expressionistischen Stil mit wenigen leuchtenden Farben werden über die miteinander unverbundenen Figuren eine tiefe Raumperspektive und die individuelle Hilflosigkeit, Not und Einsamkeit, wie sie Moll durchlebt haben muss, greifbar.

„Jutta Zimmer, die Lebenspartnerin Molls, die sein Werk über Jahre betreut hat, war überzeugt, dass es ich bei der rechts im Bild sitzenden Person, deren Gesicht durch die Hände verborgen wird, um Gerhard Moll selbst handelte“, weiß Dr. Jan Armbruster. Der Leitende Oberarzt der Forensischen Psychiatrie stand 2012 im Zusammenhang mit der Erforschung der Geschichte des Krankenhauses West mit Jutta Zimmer in Kontakt. „Ihr offenbarte der Pazifist Moll, dass er den Nervenzusammenbruch simuliert hätte, um seine Dienstuntauglichkeit zu erreichen. Am schwersten sei es ihm demnach gefallen, irre Antworten zu geben und zu lachen. Er sei einem jungen Arzt, von dem er sich durchschaut gefühlt hätte, dankbar gewesen, dass er trotzdem seine Entlassung
unterstützte“, ergänzt Armbruster.

Moll stammte aus einfachen Verhältnissen. 1938 war er über seinen Vater in Kontakt zu einer Widerstandsgruppe aus der Arbeiterschaft gekommen und blieb in der Folge aktiv gegen den Nationalsozialismus tätig, was sich auch in seinen Bildern niederschlug. Auch nach dem Krieg wurde er wegen der Beteiligung an der Ausstellung „Künstler schaffen für den Frieden“ in Ost-Berlin 1951 von seiner Westberliner Ausstellungsgemeinschaft ausgeschlossen. Moll starb 1986 nahezu
vergessen in seinem Berliner Atelier.

Heilstaetten Stralsund um 1943

Der Leitende Oberarzt Dr. Jan Armbruster (3. v. r.) und Klinikgeschäftsführer
Johannes Rasche (r.) nehmen das Gemälde von den Fördervereinsmitgliedern
(v. l.) Klaus-Dieter von Fricks, Dr. Peter Danker-Carstensen, Rolf-Peter Zimmer
und Jutta von Fricks (2. v. r.) entgegen. FOTO: HELIOS

Deer Leitende Oberarzt Dr. Jan Armbruster (3. v. r.) und Klinikgeschäftsführer Johannes Rasche (r.) nehmen das Gemälde von den Fördervereinsmitgliedern (v. l.) Klaus-Dieter von Fricks, Dr. Peter Danker-Carstensen, Rolf-Peter Zimmer und Jutta von Fricks (2. v. r.) entgegen.

FOTO: HELIOS